Für unser Magazin und natürlich fürs neue Literaturfest hat Star-Autor Daniel Schreiber zum Glück eine Ausnahme gemacht.
Herr Schreiber, wie kam es denn dazu, dass Sie für das Kuratieren des neuen Literaturfests ausgewählt wurden: Wie lange mussten Sie sich durchringen, bis Sie zusagten und Ihre Netze im Künstler-Kollegen-Kreis auswarfen?
Freut sich auf einen intensiven Austausch: Daniel Schreiber
Tanja Graf hatte mir geschrieben und mich gefragt, ob ich Interesse daran hätte. Und ich wusste relativ schnell, dass ich das machen möchte. Mir ist dann auch sofort das Thema eingefallen, das ich wichtig finde und das mir am Herzen liegt.
Das Motto Ihrer Arbeit lautet ja: „Die Sprachen der Liebe“.
Mir sind sofort ein paar Leute eingefallen, die ich unbedingt dabeihaben wollte, von denen ich glaube, dass sie wirklich einen wichtigen Beitrag zu leisten haben und dass sie inspirieren. Menschen, von denen ich denke, sie müssen hierhergeholt werden. Deswegen habe ich rasch zugesagt. Die Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus war bislang schon fantastisch. Die Vorbereitungen haben wirklich Spaß gemacht.
Literatur bewegt immer die großen, auch die ernsten, die manchmal unangenehmen Fragen. Wie wichtig ist es für Sie, sich auszutauschen und in die Debatte zu gehen?
Wir leben in einer Zeit, die so sehr von Hass bestimmt ist. Die vergangenen Wochen haben uns gezeigt, wie sich sogar die politischen Diskurse demokratischer Parteien in diese Richtung verschoben haben. Wir werden täglich mit Hass in Kommentarspalten auf Social Media konfrontiert – immer öfter auch im Alltag. Und leider ist Hass etwas Ansteckendes.
Wie meinen Sie das?
Es ist sehr einfach für Menschen, andere Menschen zu hassen, wenn sich der Mechanismus dafür erst einmal in Gang setzt. Wenn wir Hass sehen und wenn wir mit ihm konfrontiert sind, ist es sehr schwer, für ein Gegenüber ein anderes Gefühl als Aggression oder Gegenhass aufzubringen oder dem Ablauf zu entgehen. Ich denke allerdings, dass die Antwort auf Hass nie Hass sein kann. Andernfalls werden wir uns nie aus diesen Empörungsspiralen befreien können. Wir werden nie Wege finden, zueinander zu finden. Und wir werden immer wieder an einem Punkt der Lähmung und der Hoffnungs- und Hilflosigkeit gelangen. Sich dessen zu vergewissern, ist so wichtig. Ich persönlich leide sehr darunter. In der Kultur, gesehen als politische und als gesellschaftliche Kultur, müssen wir uns darauf besinnen, worum es eigentlich geht.
Wie lautet Ihr Gegenvorschlag?
Ich denke, dass diese Sprachen der Liebe wirklich das sind, was wir dem Hass entgegenbringen können.
Wie muss man das Motto genau verstehen – es ist ja kein sentimentales und naives Lieben, oder nicht?
Das Motto ist ein Aufruf zu Offenheit, zu Empathie, zu Komplexität, zur Bereitschaft, über den eigenen Horizont zu schauen und eine leidenschaftliche Beziehung zur Welt einzugehen. Darauf, dass wir uns besinnen, was wir an unserem Umfeld, unserer Gesellschaft, unserer Welt lieben – und dass wir das, was wir lieben, angesichts der derzeitigen bedrohlichen Entwicklungen auch verteidigen.
Kein Kuschelthema. Man darf sich in Ihrem Programm auch streiten?
Es ist kein Kuschelthema, aber ein paar Kuschelthemen gehören dazu.
Verraten Sie doch mal!
Wir stellen zum Beispiel auch sehr schöne neue Romane über Liebe vor, etwa von Kristine Bilkau. Matze Hielscher von Hotel Matze wird sich mit Monika Helfer und Michael Köhlmeier darüber unterhalten, wie man es schafft glücklich als Paar zu leben. Wir werden eine Vermündlichung des Tolstoi-Romans „Anna Karenina“ hören, die extrem spannend ist. Meike Rötzer, die sich auf solche Vermündlichungen spezialisiert hat, hat sie extra für uns konzipiert.
Wo wird es eher un-kuschelig?
Es wird ein Gespräch über Formen des Protests geben und über zivilen Ungehorsam, von den Macherinnen des Podcasts Piratensender Powerplay. Und wir veranstalten ein Streitgespräch über Demokratie – mit unterschiedlichen Positionen aus verschiedenen Ecken des demokratischen politischen Spektrums. Gabriele von Arnim, Asal Dardan und Hasnain Kazim werden darüber diskutieren. Dabei wird es darum gehen, wie wir für unsere Demokratie kämpfen können und müssen. Aleida Assmann und Wilhelm Schmid sprechen über den Gemeinsinn – über das schöne und zugleich schwierige Leben in Gesellschaft. Wir werden in verschiedenen Formaten das Gespräch suchen. Dafür sind mir auch partizipative Möglichkeiten wichtig, um Auseinandersetzung anzubieten.
Sie meinen Einladungen ans Publikum zum Mit-Diskutieren?
Nehmen Sie als Beispiel unser Format „Shared Reading“. Dabei probieren wir im kleinen Rahmen eine kollektive Leseform aus, bei der sich ungefähr 15 Leute treffen und zusammen eine Kurzgeschichte und ein Gedicht lesen und darüber reden.
Spannend!
Es sind immer extrem eindrückliche Gespräche, die dabei entstehen. Sie werfen uns auch wieder auf das zurück, worum es in der Literatur eigentlich geht: Nämlich, dass wir in ihr anderen Welten und neuen Gedanken begegnen – und darüber ins Gespräch kommen.
Wie ein privater Buchclub mit Überraschungseffekt? Es werden ja vor Ort Texte gelesen, bei denen Sie die Bereitschaft voraussetzen, sich auf das Unbekannte einzulassen – nicht nur auf unbekannte Texte, sondern auch auf auch unbekannte Menschen.
Das ist kein Club Gleichgesinnter – sondern wird dazu hoffentlich erst danach. Zu Beginn ist man sich erst einmal noch nicht bekannt. Wir werden das an verschiedenen kleineren Orten in München machen, unter anderem im Gesellschaftsraum im Glockenbachviertel. Es geht darum, unterschiedliche Menschen zu erreichen – aus verschiedenen Schichten, aus verschiedenen Altersgruppen, mit verschiedenen Bildungsstandards. Wichtig ist mir die Idee von Zusammenkunft. Das Interessante ist, dass dieses Format überraschenderweise immer funktioniert.
Wie erklären Sie sich das?
Was dabei herauskommt, sind eindrückliche Gespräche, die bei den Menschen lange nachhallen. Und es ist auch wichtig zu erwähnen, dass man sich für unsere Shared Readings zwar anmelden muss – sie aber wie viele andere Formate des Festivals keinen Eintritt kosten. Das gilt auch für die digitalen Übertragungen der Hauptlesungen oder unsere Filmabende, die die Festivaltage im Literaturhaus abschließen. Da kann jeder kommen und gehen. Unser Literaturerlebnis ist wirklich als eine demokratische Zusammenkunft konzipiert.
Fällt es Ihnen als Schriftsteller schwer, sozusagen nicht in die Bresche zu springen und sich aktiv in die Debatten einzumischen?
Im Gegenteil – das fällt mir gar nicht schwer. Ich finde leise Stimmen und komplexe Fragen wichtiger als laute, einfache Antworten. Wahrscheinlich ist das für viele Schreibende so. Allerdings kann ich nur von mir ausgehen: Ich rede nicht gerne öffentlich.
Tatsächlich?
Man schreibt ja eigentlich Bücher. Und das geht am besten, wenn man allein am Schreibtisch sitzt. Das heißt nicht, dass ich nicht sehr gerne meine Freunde sehe. Aber öffentliche Auftritte sind immer eine Herausforderung für mich – auch wenn ich das Auftreten im Laufe der Zeit geübt und mir da eine gewisse Professionalität angeeignet habe. Ich bin extrem froh, all diesen Menschen die Bühne zu überlassen. Und ich bin mir sicher, dass sie mit all ihren Büchern, mit all den Themen und Ideen, die wir vorstellen werden, wirklich etwas zum Gemeinschaftserleben beizutragen haben. Sie können einen Gemeinsinn beschwören und Menschen ins Gespräch bringen – viel besser als ich das kann. Ich baue ihnen sehr gerne jede Bühne der Welt.
Wie leidenschaftlich und wie laut werden Sie bei Go Sing Choir mitsingen?
Ich kann überhaupt nicht singen und habe vor dieser Veranstaltung am meisten Angst.
Wirklich?
Absolut. Aber natürlich ist es eine so schöne Sache! Menschen kommen zusammen und singen. Wir werden Love Songs aus den 80ern zum Besten geben. Ich hoffe, dass alle anderen so viel lauter singen werden als ich, dass niemand hört, dass ich überhaupt kein musikalisches Talent habe.
Was ist Ihr Geheimtipp: Wie steht man so einen Festival-Marathon Energie-technisch durch?
Jeden Morgen nach dem Aufstehen Yoga machen, mindestens eine halbe Stunde. Und gesund essen.
Vernünftig.
Das hört sich wahrscheinlich etwas langweilig an, ist mir aber wirklich wichtig. Es war eine Lektion, die ich auf vielen Lesereisen lernen musste. Für mich ist das der beste Weg, mit Stress umzugehen – auch wenn ich mir manchmal wünsche, in dieser Hinsicht nicht so langweilig zu sein.
Interview: Rupert Sommer
Zitat: „Das Motto ist ein Aufruf zu Offenheit, zu Empathie, zu Komplexität, zur Bereitschaft, über den eigenen Horizont zu schauen und eine leidenschaftliche Beziehung zur Welt einzugehen.“
BU: Freut sich auf einen intensiven Austausch: DANIEL SCHREIBER
ZUR PERSON:
Neugierig auf der Suche: DANIEL SCHREIBER, Schriftsteller und Kurator des auch von ihm komplett neue mitkonzipierten Literaturfests (2. bis 11. April), stammt eigentlich aus Mecklenburg-Vorpommern und lebt in Berlin. Für seine literarischen Essays („Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“, „Allein“, zuletzt „Die Zeit der Verluste“) umkreist er Themen einfühlsam und zieht immer mehr Lese-Begeisterte in seinen Bann.