Aktuelle Premieren an Volkstheater, Teamtheater und Kammerspielen
„Don Karlos“ im Volkstheater
Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Umständen zu äußern: Das ging zu Friedrich Schillers Zeiten nur unter dem Deckmantel der Historie. Also wurden Systemkritik und der Kampf um humanitäre Ideale in einen alten Stoff gepackt, wie in Don Karlos (1787, zwei Jahre vor der Französischen Revolution uraufgeführt) am Beispiel eines Königs aus dem 16. Jahrhundert: Philipp II., absoluter Herrscher, wird konfrontiert mit politischem Aufbegehren, der Macht der Kirche und seinem Sohn, eben Karlos, dem er die Frau ausgespannt hat.
Nach Gründen, das Stück heute zu machen, muss man bei unserer Weltlage nicht lange suchen. Die Neuinszenierung von Christian Stückl am Volkstheater verzichtet aber auf augenfällige Bezüge ins Heute, die Ausstattung geht ins Futuristische. Hohe Stirne, hüftlan- ge Haarfäden, lange schwarze Mäntel – als hätten sich Zombies zu Star Wars verirrt, so sehen die aus, die in der dunklen Halle mit den schwarzen Ledersesseln unter einem angriffslustigen Riesenadler aufeinandertreffen. Die klug verdichtete Drei-Stunden-Fassung (mit Pause) bleibt hart an der Vorlage, mit kammerspielartigen Szenen geht’s durch das nicht immer lichte Chaos aus privaten Interessen und politischen Intrigen im Zentrum eines Machtapparates.
Effektvoller Einstieg mit „Something“, dem Beatles-Song: Der Karlos von Max Poerting leidet immer noch enorm seiner geklauten Liebe Elisabeth (Lena Brückner) hinterher, die verschmähte Eboli (Ruth Bohsung) hat bei ihm trotz linker Touren keine Chance. Posa, der alte Spezl und Idealist (Noah Tinwa), kommt mit neuen Ideen – das fixt den larmoyanten Karlos sogar ein bisschen an. Und Posas viel zitierte Forderung nach Gedankenfreiheit macht sogar den König kurz nachdenklich. Aber eben nur kurz. Dann ist Pascal Fliggs Philipp, ganz in Weiß, wieder unduldsam, machtbewusst und höchst empfänglich für Gerüchte – ein augenrollender Potentat, unterwegs Richtung Wahnsinn, befeuert von seinen Schergen und von der Kirche: Silas Breiding als Domingo, ein gefährlicher Glaubensvertreter, der auch weiß, wie Inquisition geht. Ein konzentrierter Abend, der Schillers Diktion und Pathos sehr genau sezieren will – und dabei etwas zu statisch gerät. Großer Applaus am Ende trotzdem.
„Fettes Schwein“ im Teamtheater
„You’re the one that I want“: Da steht sie, im kreisrunden Spotlight auf der Bühne des Teamtheaters, und singt die alte Nummer aus „Grease“ – in einer leisen, berührenden Version. Helen scheint tatsächlich die große Liebe gefunden zu haben. Und dass sie etwas dicker ist als andere Frauen, scheint tatsächlich keine Rolle zu spielen. Scheint. „Well made play“ nennt man das, was amerikanische Autoren besonders gut können: ein gut gebautes Konversationsstück, gerne zu Themen auf der Höhe der Zeit. Neil LaBute, 1963 geborener Regisseur, Drehbuchautor und Dramatiker, ist ein Meister solcher Stücke. Und obwohl Fettes Schwein schon eine seiner älteren Arbeiten ist, von 2004, hat sie leider – zumal in Zeiten von Social Media – nichts an Relevanz verloren. Denn es geht um Bodyshaming, Mobbing und Sexismus.
Vier Menschen, Generation 30 bis 40, drei davon im lässigen Business-Style, Typ Young Urban Professionals. Helen dagegen, die Bibliothekarin, wirkt et- was spießig: Bluse, Strickjäckchen, Rock. Aber dieses Biedere ist nur Klamotte. Lena Schlagintweit zeigt uns ei- ne zugewandte, lebenslustige Frau, mit Humor und Charme – zum Liebhaben. Doch ihr Gesicht wird uns immer wieder für Momente erzählen, welches emotionale Pfund die Wirkung ihres Körpers manchmal bedeutet. Tom verliebt sich trotzdem in sie, allerdings mit einem latenten Aber: Simon Wenigerkind spielt das intelligent – mit angezogener Handbremse. Und bald kommt hinter dem smarten Kerlchen die feige Lusche hervor.
Denn das Bild von einer Beziehung mit einer dickeren Frau passt nicht in die beispielhafte Umwelt, für die Toms Arbeitskollegen stehen: Alexandra Hackers Jenny, mit eigenen Interessen an Tom, versteckt ihre Eifersucht nicht lange und lässt sie umso heftiger explodieren. Adrian Spielbauers Nick gibt den bad guy mit den schnellen (Vor-)Urteilen, den verletzenden Sprüchen: Für ihn ist Helen ein „fettes Schwein“.
Um aus Neil LaButes etwas oberflächlicher Figurenzeichnung etwas zu machen, braucht es ein Ensemble, das Subtext und Zwischentöne kann – und das können die vier auf der leeren Treppenbühne: Langer Beifall nach 90 Minuten. Als problematisch allerdings erweist sich die Idee von Teamtheater-Hausregisseur Philipp Jeschek, die requisitenlos gespielten Szenen akustisch auf- zupeppen. Und so produzieren die, die gerade nicht spielen, von der Seite aus live ins Mikro Geräusche: Essen und Schlürfen, Tippen auf einer Tastatur, das Öffnen eines Fensters, das Fechten mit imaginären Schwertern usw. Das ist erst mal ein witziges Theatermittel, unterläuft aber zunehmend störend den Ernst der verhandelten Thematik – bis ins Alberne. Schade.
„Mephisto“ in den Kammerspielen

Kunst und Moral, Mensch und Macht: Klaus Mann erzählt in seinem Roman Mephisto (von 1936) von der Karriere eines Schauspielers vor und im Nazi-Faschismus – und unverkennbar angelehnt an seinen Ex-Schwager, die deutsche Theaterlegende Gustaf Gründgens. Das Schauspielhaus der Kammerspiele steht und jubelt nach dreieinhalb Stunden sattester Schauspielkunst. Jette Steckels mitreißend-bewegende Bühnenumsetzung lässt klug die heutigen Kulturdebatten mitschwingen – ohne Zeigefinger. Ein Abend, der das Zeug zum Renner hat.
Steckel lässt ihren „Mephisto“ fast durchgehend im Theater spielen. Sie beginnt mit Probenarbeit, den üblichen Nickelig- und Eitelkeiten: selbstiro- nischer Blick hinter die Kulissen. Die Qualität von Florian Lösches Bühnen- bild erweist sich schon hier: Verschiebbare, übermannshohe Lichtquader schaffen blitzschnelle, atmosphärische Wechsel für dieses Stationendrama, das die Hauptfigur von Hamburg nach Berlin führt – vom kleinen Mimen zur Intendanz.
Der fiktive Gründgens heißt im Buch und auf der Bühne Hendrik Höfgen, und Thomas Schmauser, dieser wunder- bare, immer leicht irrlichternde Schauspieler, ist die Idealbesetzung für die Darstellung eines Künstlers, der sich windet und wendet – immer zwischen Anspruch und Gewissen, Ehrgeiz und Verantwortung. Beim privaten Disput mit der Ehefrau (Linda Pöppel), die anfangs noch Verständnis hat für die Nazisprüche eines Kollegen (Elias Krischke, der auch am Schlagzeug für deutliche Musikakzente sorgt), ist Höfgen noch ein Linker. Die Liebe zu einem schwarzen Tänzer (Bless Amada) versteckt er aber, die später notwendige Flucht einer jüdischen Schauspielerin (Johanna Eiworth) ficht ihn nicht an: Er bleibt. Er muss bleiben – schließlich ist er „ein deutscher Schauspieler“. Als Mephisto in Berlin kommt der Durchbruch, bewundert vom Ministerpräsidenten: Edmund Telgenkämper als Göring-Alter-Ego macht das grandios zur teuflischen Machtdemo, die einen frieren lässt.
Schmausers Höfgen bleibt ein Zerrissener. Die Machtergreifung der Nazis sieht er als normalen demokratischen Vorgang, er verunglimpft auch andere, wenn’s der Karriere dient, oder gibt dem Führer Sprech-Coaching (herrlicher Slapstick mit Erwin Aljukić) – und zugleich setzt er sich ein für einen kommunistischen Kollegen im Knast (Mar- tin Weigel). Ein Selbstbetrug, aus dem es keinen Ausweg gibt. „Du legitimierst hier Faschisten!“, schmeißt ihm seine Frau am Ende an den Kopf. Höfgen schreit panisch: „Text!“ Doch die Souffleuse schweigt.