Lesungen im April: Weltwährung Lebenserfahrung

Mit diesen Turbo-Erlebnissen kann man den persönlichen Horizont pimpen.

Tommie Goerz

Wer erzählen will, muss vorher was erlebt haben. Tommie Goerz war, lange bevor er erfolgreich mit dem Krimi-Schreiben anfing, Endlos-Student, Hüttenwirt, Automatenwart, Schallplattenvertreter, Almknecht, Lehrbeauftragter und Werber. Jetzt wirkt es fast so, als wäre er ein wenig zur Ruhe gekommen. Oder als ob sein neuer Roman „Im Schnee“ eine Art Aprilscherz wäre. Wer möchte denn jetzt wirklich von den Flöckchen hören, die ganz leise über dem abgelegenen Hof im Fichtelgebirge nieder rieseln? Allerdings: Goerz, wie man ahnt, kann schreiben. (Literaturhaus, 1.4.)

Yasmina Reza

Dass Yasmina Reza eine Meisterin des geschickt platzierten bösen Witzes ist, weiß man natürlich auch. Am Resi schätzt man sie ganz besonders, aktuell stehen „James Bond trug Lockenwickler“ sowie „Anne-Marie die Schönheit“ auf dem Spielplan. Und nun kommt Madame nach München. Sie stellt ihren Erzählband „Die Rückseite des Lebens“ vor, für den sie in Pariser Gerichtssälen Material gesammelt hat. (Residenztheater, 2.4.)

Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe

Mirjam Zadoff vom NS-Dokumentationszentrum moderiert einen Abend der beklemmenden Themen. Die Gynäkologin Monika Hauser, ausgezeichnet mit dem Alternativen Nobelpreis, die Historikerin Regina Mühlhäuser sowie die Autorin Ronya Othmann („Vierundsiebzig“) diskutieren über „Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe“. (Literaturhaus, 11.3.)

Lídia Jorge

Vor sich hinleben: Dona Alberti sitzt im Rollstuhl und kann ihre Hände kaum noch benutzen. Um Klarheit in ihr Leben zu bringen, benutzt sie ein Aufnahmegerät. Sie sortiert ihre Erinnerungen an den Tag, bevor sie ein banaler Unfall um ihre Freiheiten brachte. Lídia Jorge erzählt in „Erbarmen“, ihrem vielleicht persönlichsten Roman, von Freundschaften und Abhängigkeiten. (Buchhandlung Moths, 2.4.)

Hendrik Streeck

Tief ins kollektive Unbehagen schweifen die Gedanken ab, wenn sich nun im fünften Jahr der Ausbruch der Corona-Pandemie jährt. Plötzlich wurden da Weißkittel-Träger zu Helden und Hoffnungsträgern – und zu Antagonisten. Lange die Böse-Buben-Rolle kam Hendrik Streeck zu, der sich öffentlich mit dem Virologen-Kollegen Christian Drosten zoffte. Nun hat Streeck mit „Das Institut“ einen Thriller geschrieben, der das diesjährige Krimifestival München eröffnet. (BMW Welt, 4.4.)

Nacht der Bibliotheken

Endlich mal nicht flüstern: Bundesweit steigt die Nacht der Bibliotheken. Und da möchte man natürlich auch in der Lese- und Verlagsmetropole München schön mitfeiern. Anika Landsteiner und Sandra Hoffmann lesen und veranstalten ein kniffliges Kneipenquiz. Und der Münchner Kneipenchor singt dazu. (Monacensia, 4.4.)

Leo Reisinger

Zum Schreiben gezogen hat es zuletzt auch den Schauspieler Leo Reisinger, der zuvor als Hilfsarbeiter im Bauch von München und in Oktoberfestzelten schuftete. „Bavarese“ ist sein Roman, der im Milieu der Großmarkthalle spielt – wo dann sogar das organisierte Verbrechen mitmischt. Wieder mal hat das Krimifestival einen ungewöhnlichen Lese-Ort gefunden. (Großmarkthalle, Schäftlarnstr. 10, 5.4.)

Nicola Förg

Ebenfalls schön: die Alpenvereinsvilla auf der Praterinsel. Nicola Förg erzählt in ihrem Berg-Krimi „Verdamme Weiber“ von ernsten Dingen. Es geht auch um die Zukunftsfähigkeit des Ski-Tourismus. (Alpines Museum, 9.4.)

Wolfgang Maria Bauer

Mit seiner Bergheimat hadert Sprengmeister Stubber aus dem „Kaltblut“-Krimi von Wolfgang Maria Bauer. Als bei einer fürchterlichen Explosion elf Männer sterben, fällt der Verdacht auf den sperrigen Einzelgänger. Der ergreift vorsichtshalber die Flucht. (Bürgerhaus Pullach, 9.4.)

Oskar Maria Graf

Auch in Manhattan wollte Oskar Maria Graf die Lederhose nicht ausziehen. „Stunde Null – wie wir wurden, was wir sind“ blickt durch Grafs Augen auf die verlogenen ersten Nachkriegsjahre. Katrin Sorko und Oliver Leeb lesen aus Briefen und Aufsätzen aus dem Exil. (Fraunhofer, 12.4.)

Isar Slam

Beim Isar Slam ist diesmal Antonia Josefa, der Shooting-Star aus Niedersachsen, eine Stimme, auf die man hören sollte. (Muffathalle, 28.4.)

Pierre Jarawan

Im Sommer 1966 steigt vom Libanon aus eine Weltraumrakete auf. Auf den Tag genau 54 Jahre kommt es zu einer verheerenden Explosion im Hafen von Beirut. Pierre Jarawan verbindet beides zu einer Familiengeschichte, die weit über den Nahen Osten hinausstrahlt: „Frau im Mond“ heißt sein Roman. (Literaturhaus, 29.4.)

Jean-Marie Magro

Jean-Marie Magro macht Lust, sich in den Sattel zu schwingen: Der in München lebende Provençale, ein wirklich rasender Reporter, stellt seine persönliche Tour de France vor: „Radatouille“. (Bürgerhaus Pullach, 29.4.)

Kerstin Holzer

Und dann macht noch Kerstin Holzer Lust auf warme Tage: Ihre humorvolle Rekonstruktion „Thomas Mann macht Ferien“ erzählt von noch unbekümmerten Tagen am Tegernsee. (Literaturhaus, 30.4.)