Platten aus nah und fern für den April

Neue Scheiben von und mit The Burning Hell, Bob Mould, möbelkröger, Panda Bear, The Murder Capital, Jo Halbig, Cari Cari, The Chills, Puma Blue und Konstantin Wecker

The Burning Hell – Ghost Palace

Traditionell den Schalk im Nacken haben bekanntermaßen Mathias Kom und Ariel Sharratt sitzen, das Kern-Duo von The Burning Hell. Nicht nur vermutlich, aber auch dann, wenn sie da so im Studio in den Wäldern der ostkanadischen Prince Edward Insel sitzen und ihre Anti-Folk-Freak-Pop-Songs erfinden und aufnehmen. Besonders deutlich wird das bei Tracks wie dem vom Reggae und Calypso geküssten „Brazil Nuts and Blue Curaçao“. Auch das mit Ukulele angestimmte „What Does It Do And How Do It Work“ zeigt den bissigen Witz und die ironische Betrachtungsweise der eigenen Verzweiflung aufgrund der dem Zeitgeist geschuldeten allgemeinen Ratlosigkeit. Dabei ist die Antwort auf alles doch relativ einfach, wie sich zu guter Letzt herausstellt: „So you pulled your heart out of your chest and held it out to me, you got blood on your shirt you said `here’s what it does, and here’s how it works´.” Klarer Fall: Indie-Folk der von Herzen kommt. (Tickets hier: 4.5. Milla)

The Murder Capital – Blindness

Als Support von Nick Cave & The Bad Seeds in der Olympiahalle, letzten Oktober, konnten Sänger James McGovern und seine Band nicht vollends überzeugen. Aber klar, große Bühne, großes Publikum, schwieriger Sound – zugegebenermaßen keine ganz einfachen Bedingungen. Zumal ja auch viele der aktuellen Cave-Fans womöglich nur rudimentär mit dessen Frühwerk zusammen mit The Birthday Party vertraut sind, denen The Murder Capital – als eine der derzeit größten internationalen Post-Punk-Hoffnungen – oft schon sehr nahe sind. Man möge dbzgl. gerne „Mutiny in Heaven“ kucken, die aktuell erschienene Doku zum Thema. Was wiederum dann natürlich auch Caves Faible für diese Band erklärt, die mit „Blindness“ ein wuchtiges, nicht aber gänzlich überzeugendes Album vorgelegt hat. (Tickets hier: 8.5. Backstage)

The Chills – Spring Board: The Early Unrecorded Songs

Man muss gar nicht so weit ausholen: Mit Martin Phillipps ist letztes Jahr einer gegangen, dem man so gerne noch weiter zuhören wollte. 61 Jahre war er erst, der Bandleader und Chefdenker der neuseeländischen Jangle-C86-Indie-Rock-Formation The Chills, welche Künstler wie Michael Stipe (R.E.M.), Stephan Malkmus (Pavement) und/oder Ira Kaplan (Yo La Tengo) gerne mal als Inspirationsquelle nennen. Hier nun sein posthum veröffentlichtes Vermächtnis mit Neuinterpretation früher, unveröffentlichter Songs, die einen ebenso schmerzhaften wie wunderschönen künstlerischen Abschied vollziehen  und als bleibendes Vermächtnis und Erinnerung an sein großes, weitgehend aber unterschätztes Talent zu hören sind.

Panda Bear – Sinister Grift

Man lehnt sich sicherlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man Noah Lennox ein Genie nennt. Genial seine musikalischen Umtriebe in der Bandkooperative Animal Collective. Auch zusammen mit seinem genialen Kumpel Peter Kember aka Sonic Boom hat er schon des öfteren bewiesen, wie ein musikalischer Genius zu klingen vermag. Und letztlich, um dann auch das Genie komplett zu machen, begegnet mir persönlich in Lennox’ Kompositionen und Arrangements immer wieder auch der Geist von Ober-Beach Boy Brian Wilson. So auch hier auf „Sinister Grift“, wo verträumter 60s-Psychedelia auf hymnischen 70s-Sunshine-Pop und analog-elektronisches 2.0-Producing Hand in Hand gehen. Geniestreich!

Puma Blue – antichamber

Wer Puma Blue zuletzt in der ausverkauften Milla erleben durfte, die/der dürften sich einigermaßen überrascht zeigen aufgrund der hier nun vorliegenden aktuellen Veröffentlichung (jetzt schon im Stream, physisch ab 9.5.). Abgesehen davon, dass Puma Blue den bisher besten Sound in der Milla hatten, den ich zumindest je dort hören konnte, sind die neuen Tracks fernab seiner überragenden Electronica-Jazz-TripHop-Bandarrangements. Auf „antichamber“ zeigt sich Jacob Allen aka Puma Blue minimalistisch und auf sich selbst reduziert in akustischem Gewand. Die Kompositionen wirken introvertiert, verletzlich und verträumt, mithin also gar nicht so „anti“-kammermusikalisch. 

Bob Mould – Here We Go Crazy

Folgerichtig darf’s dann gerne auch mal wieder etwas lauter zugehen. Weswegen Bob Moulds „Here We Go Crazy“ grad recht kommt. Der ehemalige Hüsker Dü-Frontmann und  Ex-Sugar Mastermind, wer erinnert sich nicht gerne an sein 1992er Meisterwerk „Copper Blue“, frönt dem meist recht geschwinden Alternative-Punk-Rock in seiner unnachahmlichen Art und Weise. Doch die meist recht erfreulichen, guten Ansätze verlieren sich dann und wann allerdings doch leider in einer indifferenten Beliebigkeit. Ums deutlich zu sagen: Es fehlen überwiegend gute Songideen. Anders bei „When Your Heart Is Broken“ oder dem Titelsong. Auch das auf akustischer Lagerfeuer-Gitarre basierende „Lost Or Stolen“ bringt zumindest eine etwas andere Klangfarbe ins Spiel während das tendenziell eher getragene „Thread So Thin“ zum gemächlichen Headbangen einlädt. Eher gemischt.

Cari Cari – One More Trip Around The Sun

Nicht, dass ich schon besonders viele Berührungspunkte mit Stephanie Widmer und Alexander Köck alias Cari Cari hatte. Mal eine Single da gehört, mal ein Video da gesehen, mehr nicht. Jetzt aber haben mich die beiden mit „One More Trip Around The Sun“ voll erwischt. Nicht nur weil ihr raffinierter, melodischer Indie-Pop, dem hie und da  auch Einflüsse aus Psychedelia, 80s und Blues nicht gänzlich fremd sind, gehaltvoll und bedeutsam, dennoch aber immer auch lässig und unbeschwert zugleich daherkommt. Auch wegen ihrem gesellschaftspolitischen Ansatz „Nein“ zu sagen, wie es etwa im Info steht: „Nein zu Arschlöchern, zu Major Labels und zu einem System, das den Menschen hinter der Kunst vergisst.“ Oder – um es positiv auszudrücken: Es ist ein „Ja“ zu sich selbst und ein „Ja“ zu Musik, die sich echt anfühlt… und ein „Ja“ zu den Menschen (sh. Cover), die ihnen am wichtigsten sind. Gut möglich, dass darunter auch all ihre Fans fallen, die allerdings nicht alle auf dem Cover Platz gefunden hätten. Meinungsstark, mit Haltung: Bravo! (Tickets hier: 11.5. Muffathalle)

Konstantin Wecker – Lieder meines Lebens

Es gibt Menschen, die sich durchaus an Konstantin Wecker zu reiben wissen. An ihm, dem Streitbaren, immer wieder auch Fehlerhaften. 99,9 Prozent aller Menschen im deutschsprachigen Raum allerdings lieben ihn, genau aus diesen Gründen, aber auch weil er einer der schlausten, besinnlichsten, sanftesten und immer wieder auch leidenschaftlichsten Poeten ist, die dieses Land je hervorgebracht hat. Diese soeben erschienene Live-Doppel-CD mit kammermusikalischen Interpretationen seiner wichtigsten Lieder markiert – zumindest für mich – einen würdigen, ehrenvollen Höhepunkt seines musikalischen Schaffens. Begleitet wird Konstantin Wecker am Klavier von seinem langjährigen Weggefährten Jo Barnikel. (Tickets hier: 12.5. Prinzregententheater)

Jo Halbig – Herzland

Jo Halbig war gerade mal 16 Jahre alt und schon Popstar. Als Sänger der Killerpilze prägte er spätestens ab 2004 eine ganze Generation, entwickelte sich von der Teenager-Ikone zur festen Größe im Deutsch-Punk. Seit 20 Jahren ist er jetzt schon dabei und zeigt aktuell mit „Herzland“ das musikalische Relevanz immer auch eines ist, nämlich zeitlos. Seit gut zwei Jahren schlägt Halbig ein weiteres, neues Kapitel auf: Indie trifft Stadionrock und Emo auf Folk. Dabei klingen seine Songs mal kraftvoll, mal nachdenklich, immer jedoch intensiv und authentisch. (Tickets hier: 26.4. Backstage)

möbelkröger – Sender Empfänger

Würde Namedropping Alben verkaufen, möbelkröger wäre schon bald schwer reich. möbelkröger ist Michael Kröger seines Zeichens Kopf von Bands wie Goya Royal und Butterside Down aber auch Musiker in der Phil Vetter Band oder bei The Ruby Sea. „Sender Empfänger“ nun hat er komplett im Alleingang eingespielt. Dabei verzichtet er bewusst auf akustische Instrumente und ließ lieber seiner elektrischen Affinität freien Lauf inklusive Drumcomputer und Keyboard sowie verfremdete, dekonstruierte und wieder neu zusammengesetzte, mal rückwärts oder im Freeze-Modus abgespielte E-Gitarren. Abschließend noch ein Nachtrag zum Namedropping, live setzt sich möbelkröger wie folgt zusammen: Andi Blab (Byde, Sitter, Carrera) an der Gitarre, Martin Heise (dezolat) am Bass und am Schlagzeug Wompl Wall (Ukelites, Phil Vetter Band, Goya Royal). (Record Release Show am 3.4.  Import / Export (Tickets hier), Support: Die Libellen, danach Party mit DJ Dirk Wagner)